Saisonrückblick 2022/23
Nach endlos langen 14 Jahren in den Niederungen des Amateurfußballs kehrte Rot-Weiss Essen mit einem 2:0 Heimsieg über RW Ahlen am 14.05.2022 in den sogenannten „bezahlten Fußball“ zurück.
Profifußball statt Provinz, Magenta Sport statt Staige TV. Die Euphorie in und um den Verein herum kannte keine Grenzen, so dass RWE fast 10.000 Dauerkarten an den Mann (die Frau/das Kind) brachte, sich die Vorfreude der Fans auf die Saison 22/23 während der Sommerpause nahezu täglich steigerte und bei einigen gar „Durchmarsch“-Utopien auslöste. Und als wollte uns der Fußballgott, dieser erbarmungslose Sadist, dafür bestrafen und uns Demut lehren, folgte ein Saisonstart des Grauens: 1:5 gegen den mitaufgestiegenen Dorfverein aus Elversberg, nur 3 Punkte aus den ersten 6 Spielen bei einem Torverhältnis von 7 zu 15 – Tabellenletzter. Wer nun aber erwartet hatte, dass die Stimmung an der Hafenstraße kippen könnte und die Aufstiegshelden zu „Drittligaversagern“ diffamiert werden würden, sah sich getäuscht. Denn die auf dem harten Boden der Tatsachen aufgeschlagene Euphorie, die so schonungslos zerstörten Hoffnungen und Träume der rot-weissen Fangemeinde schlugen eben nicht um in Resignation, Frust und Wut, sondern in eine „Jetzt erst recht“-Attitüde, die man liebevoll als naiv, ehrlicherweise eher als trotzig bezeichnen muss.
Es folgten zwei hart erkämpfte Heimsiege über Aue und Saarbrücken, Rückschläge in Osnabrück und Wiesbaden sowie eine Serie von 7 ungeschlagenen Spielen, durch die man sich von der Abstiegszone absetzten und zum gesicherten Mittelfeld der Liga aufschließen konnte. Als Highlights bleiben dabei insbesondere die Siege in Mannheim und das last-minute-Remis bei 1860 in Erinnerung, zu dem 1.500 Essener unseren RWE an einem Montagabend nach München begleiteten. Absoluter Wahnsinn!
Mindestens genauso wahnsinnig - allerdings im negativen Sinne - war die wenig später beginnende Fußballweltmeisterschaft im Mekka der Menschenrechte, die unsere Mannschaft und uns Fans nun bereits Mitte November in die Winterpause zwang. Mehr Raum soll dem Wohltätigkeitsspektakel der FIFA im Rahmen dieses Saisonrückblicks nicht gewährt werden, auch wenn es selbstverständlich und zweifellos „die großartigste WM aller Zeiten“ (Giovanni Infantino) war.
Nach der Winterpause wurden im neuen Jahr aus 9 Spielen ohne Niederlage innerhalb weniger Tage 7 Spiele ohne Sieg und erstmals war nun tatsächlich etwas Unmut bei einem Teil der Anhänger zu spüren. Man mag dazu gespaltener Meinung sein und berechtigterweise anmerken, dass dieses reflexartige Hinterfragen des Trainers, der sportlichen Leitung und einzelner Spieler nur Unruhe auslöst, die Mannschaft verunsichert und dem Verein potentiell schadet. Oder man akzeptiert einfach, dass auch das eben zu Rot-Weiss Essen gehört, dass uns Bescheidenheit einfach nicht liegt und wir auch nach 14 Jahren in der Bedeutungslosigkeit nicht verlernt haben, uns „groß“ zu fühlen und „groß“ zu denken. Nach zwei Heimsiegen gegen Bayreuth und Dortmund und 9 Punkten Vorsprung auf Rang 17 schien das Abstiegsgespenst schon vertrieben, nur um wenige Wochen und vier sieglose Spiele später wieder Angst und Schrecken zu verbreiten. Auch ein glücklicher Sieg nach Elfmeterschießen im Halbfinale des Niederrheinpokals vermochte es nicht, die rot-weissen Gemüter zu beruhigen, ganz im Gegenteil: Zu den lauter werdenden „Dabrowski raus“-Rufen gesellten sich auch vollkommen inakzeptable, zum Teil rassistische Beleidigungen gegen eigene Spieler – rückblickend betrachtet sicherlich der absolute Tiefpunkt der Saison. Der aber beim darauffolgenden Heimspiel gegen Freiburg immerhin eine starke Reaktion des Publikums nach sich zog, das sich geschlossen mit der Mannschaft (allen voran Lawrence Ennali) solidarisierte, ein klares Statement gegen Rassismus setzte und letztlich nach einer denkwürdigen Schlammschlacht einen 2:0 Sieg unserer Jungs bejubeln durfte. Wiederum nur eine Woche später reisten über 2.500 RWE-Fans am Ostersamstag ins sächsische Elbflorenz und untermauerten Platz 1 in der Auswärtsfahrerstatistik.
Nachdem Jörn Nowak kurz darauf vollkommen überraschend von seinen Aufgaben als Sportlicher Leiter entbunden wurde und unsere Elf anschließend 0:3 gegen ihrem ehemaligen Trainer Christian Neidhart verlor, drohte es rund um die Hafenstraße abermals turbulent zu werden – ehe das Zwickauer „Bier-Gate“ uns auf dem zum Klassenerhalt 3 Punkte am Grünen Tisch bescherte. Weitere vier Wochen sowie vier sieglose Spiele später stand dieser dann endlich fest, wenn auch nur dank erneuter Schützenhilfe aus Zwickau. Das Publikum schien derweil endgültig in zwei Lager gespalten, nämlich in jene, die vehement den Rauswurf des Trainers forderten und andere, die den Zusammenhalt im Abstiegskampf beschworen und das primäre Saisonziel letztendlich erreicht sahen.
Den Abschluss der Saison 22/23 bildete das Niederrheinpokal-Finale gegen den Nachbarn und langjährigen Weggefährten aus grauen Regionalliga-Zeiten, Rot-Weiß Oberhausen. Im ausverkauften Stadion an der Hafenstraße siegten unsere Rot-Weissen mit 2:0 und sorgten somit für einen versöhnlichen Saisonabschluss und überaus emotionale Gänsehaut-Momente bei der Verabschiedung unserer Aufstiegshelden Herze, Engel und Ötzi. Für einen kurzen Augenblick schien es fast so, als hätte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass wir diese Saison erfolgreich beenden würden.
Was bleibt uns also von dieser Saison, der ersten Spielzeit im Profifußball nach 14 Jahren, am Ende im Gedächtnis?
Nun, wenn wir ehrlich sind, wissen wir das zum jetzigen Zeitpunkt selbst noch nicht so genau. Eigentlich hätte es eine einzige große Party werden können, war doch beinahe jede Auswärtsfahrt ein absolutes Highlight im Gegensatz zur Viertliga-Tristesse der letzten Jahre und das Stadion an der Hafenstraße mit einem Schnitt von über 16.500 Zuschauern gefühlt immer rappelvoll. Dass letztlich nur sehr selten wirklich Partystimmung aufkommen sollte, mag einerseits an den Leistungsschwankungen unserer Mannschaft, andererseits aber auch an den zum Teil überzogenen Erwartungen vieler Fans gelegen haben. Und somit war die Saison rückblickend betrachtet vor allem eines: Typisch RWE. Ein ewiges Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen, Euphorie, Ekstase und der latenten Angst (verursacht durch das Lübeck-Trauma anno 2010), am Ende ja doch wieder der große Verlierer zu sein.
Da wir als Fanprojekt uns aber dem Optimismus verschrieben haben und an das Gute im Menschen, im Fußball und im Leben allgemein glauben (wollen), freuen wir uns selbstverständlich jetzt schon auf die neue Saison. Auf mindestens ein Heimspiel im DFB-Pokal, darauf erneut nach Dresden und München reisen zu dürfen und auf die endgültige Beantwortung der Frage, ob es die Stadt Bielefeld überhaupt gibt.
In diesem Sinne: Nur der RWE!!!